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Das "Nationale Infotelefon" (NIT) wirbt seit einigen Wochen für einen Großaufmarsch am 01.September 2001 in Leipzig. Der Aufmarsch soll unter dem vielsagenden Motto: "September - damals wie heute: Für Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung!" stehen. Damit möchten die Organisatoren die Kriegsschuld Deutschlands leugnen und zum anderen ihre "antikapitalistische" Haltung zum Ausdruck bringen:
"Wir möchten mit dieser Demo nicht nur darauf hinweisen, daß der Krieg am 1.9.1939 nicht vom Deutschen Reich begonnen wurden ist. Wir wollen vor allem deutlich machen, daß die Mächte, die die Welt 1939 in einem grausamen Krieg gestürzt haben um Deutschland gefügig zu machen, die gleichen sind, die seit 1945 in der Welt morden und Kriege anzetteln. Es sind die kapitalistisch-imperialistischen Kräfte, die auch jetzt deutsche Soldaten für ihre Interessen in fremde Länder schicken."
Der Aufmarsch wurde von Steffen Hupka für bis zu 2000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen angemeldet. Als wesentliche Organisatorin tritt die "Bürgerinitiative für deutsche Interessen", vertreten durch Thomas Wulff und eben Steffen Hupka, in Erscheinung. Bis jetzt sind keine weiteren Veranstaltungen der Nazis angesagt und es wird bereits in der ersten Ankündigung darum gebeten, daß keine weiteren Naziaufmärsche an diesem Tag im Bundesgebiet stattfinden.
Die Initiative zu diesem Aufmarsch geht also nicht von der Leipziger Naziszene aus, im Gegenteil: die Leipziger NPD fühlt sich übergangen, hat aber partiell ihre Unterstützung zugesagt. Die wesentliche Organisationsarbeit liegt aber in den Händen der obengenannten Personen.
Die "Bürgerinitiative für deutsche Interessen" ist offizielles Aushängeschild und Organisationszusammenhang der sog. "Freien Kameradschaften". Nach ihrer Demonstration am 1.Mai 2001 in Frankfurt/ Main soll in Leipzig ein zweiter Großaufmarsch durchgeführt werden. Trotz der heftigen Auseinandersetzungen in Frankfurt werten die Aufrufer den Aufmarsch der"Freien Kameraden" mit ca. 1000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen als Erfolg. Bei dieser Einschätzung spielt der Ansatz der "Freien Kameraden" eine große Rolle, welche sich nicht, wie einst die NPD, einen legalistisch parlamentarischen Anstrich geben wollen. Im Gegenteil, ein gelungener Aufmarsch, welcher von starken Protesten begleitet wurde, wird Hupka, Wulff, Worch und den "Freien Kameradschaften" immer als Erfolg dienlich sein, denn ihnen ist es gelungen einen Aufmarsch durchzuführen, trotz starker Proteste.
Seit dem letzten Sommer und der daraus entstandenen Verbotsdiskussion ist die NPD und deren Strukturen quasi gelähmt und über weite Strecken nicht mehr handlungsfähig. Vielen Verbänden laufen die frustrierten Kameraden weg und interne Richtungsstreitereien machen ein selbstbewußtes Auftreten unmöglich. Dadurch entsteht ein Vakuum, welches zu füllen sich die "Freien Kameradschaften" zum aktuellen Handlungsfeld gemacht haben. Sie betrachten die NPD und eine Organisation in Parteien als gescheitert und sehen sich mit dem Ansatz der "Freien Kameradschaften" als die beste Struktur einer "Nazibewegung" an. Deshalb zielt ihre Aktivität vor allem auf die NPD- Basis und deren Umfeld ab. Vereinzelt wird es natürlich dazu kommen, daß auch NPD-Kader in die Kameradschaften wechseln, wie zum Beispiel Hupka.
Bei dem geplanten Aufmarsch geht es den "Freien Kameraden" also darum, sich gut gegenüber der NPD zu profilieren und so der "nationalen Bewegung" einen neuen strukturellen Überbau zu geben.

Warum gerade thematisch der 01.September?

Ähnlich wie am 1.Mai 2001 in Frankfurt ist auch zu dem geplanten Aufmarsch in Leipzig, das Thema als einigendes Moment zu verstehen. Wie bereits bei dem Aufmarsch des rechtsnationalen und Nazi- Spektrums gegen die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" in München, wird hier ein Anlaß gewählt, welchen die meisten Nazikreise als wenig kontrovers aufnehmen dürften, egal welchem ideologischen Ansatz gefolgt wird. In Verbindung mit dem Bestreben zu diesem Datum nur eine einzige Veranstaltung in der BRD durchführen zu wollen, ist eine Teil-nehmerInnenzahl von ca. 2000 Nazis durchaus denkbar, höhere Zahlen sind durchaus realistisch.

Warum gerade in Leipzig?

Obwohl es keine starke organisierte Naziszene vor Ort gibt, soll dieser Aufmarsch in Leipzig stattfinden. Gerade weil es keine starke Szene in Leipzig gibt und die Kameradschaften, welche in Sachsen existieren, sehr NPD-nah sind, wie die "SSS" oder "Odins Legion", und sogar teilweise personelle Überschneidungen vorherrschen, soll ein entscheidender Funke nach Leipzig gebracht werden. Denn das Potential für ein organisiertes Auftreten der Nazis in Leipzig und Sachsen ist durchaus da, es dümpelt nur derzeitig in Cliquen vor sich hin bzw. sitzt noch (teilweise nur bis diesen Sommer) im Knast.
Außerdem stellte der von den Nazis als Mißerfolg gewertete 1.Mai-Aufmarsch 1998 einen entscheidenden Punkt im rapiden Abstieg der NPD und die Abkehr jener vom Ansatz der Großaufmärsche dar. Seitdem ist Leipzig für Naziaufmärsche tabu - bis jetzt. Denn die "Freien Kameraden" wollen sich ganz bewußt dieser Symbolkraft bemächtigen und den Mythos Leipzig demontieren, um einen konstituierenden Erfolg in Leipzig zu erreichen. Dann wäre auch hier desöfteren mit Aufmärschen zu rechnen.
Würde dieser Aufmarsch gelingen, wäre es den "Kameradschaften" gelungen, sich gegenüber der NPD zu behaupten. Der Ansatz der autonomen Kameradschaften wäre etabliert und deutschlandweit ein entscheidendes Signal ausgesendet. Der Naziszene in der BRD wäre ein neuer und scheinbar erfolgreicherer Organisationsansatz geboten. Damit würde es wahrscheinlich auch gelingen, das derzeit frustrierte "Fußvolk" wieder zu aktivieren. Konkret hieße das auch für Leipzig eine (Re-) Animierung von Nazi-Strukturen und ihrer Aktivitäten.
Gelingt es, den Aufmarsch zu verhindern, wäre eine weitere Zersplitterung der Naziszene zu erwarten. Es bliebe den Kameradschaften verwehrt, erfolgreich das Erbe der NPD anzutreten. Hupka, Wulff, Worch etc. erhielten einen entscheidenden Dämpfer beim Konzept, Großaufmärsche zu etablieren und somit den Nazis vermeintliche eigene Stärke zu vermitteln. Somit wäre auch eine Reaktivierung des sogenannten Fußvolks nicht zu erwarten.
Den Schritt der "Freien Kameradschaften" hin zu bundesweitem Agieren wäre zunächst vereitelt.
Kritisch in diesem Zusammenhang ist anzumerken, daß die Kameradschaften seit einiger Zeit bereits die Normalisierung von kleinen Naziaufmärschen vorantreiben. Die berechtigte Entscheidung verschiedener Antifakreise, aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr jeden Naziaufmarsch - im Sinne der Zivilgesellschaft - kritisch zu begleiten bzw. das eingestandene Unvermögen der Antifa, jeden Aufmarsch verhindern zu können, hat jedoch dazu geführt, daß nur minimal Versuche gestartet wurden, kleinere Naziaufmärsche zu verhindern. Damit war den Kameradschaften genug Raum zum Agieren geboten, um sich nun ideologisch und organisatorisch stark genug zu fühlen, Großaufmärsche durchführen zu wollen.

Wie sieht aktuell der Stand der Dinge aus?

Der Aufmarsch wurde am 17.05.2001 durch Steffen Hupka bei der Stadt angemeldet. Die Nazis planen eine Route vom Hauptbahnhof/Willy-Brandt-Platz bis zum Völkerschlachtdenkmal. Die Stadt Leipzig hat geäußert, den geplanten Naziaufmarsch zu verbieten. Nach den Erfahrungen der letzten Anmeldungen von Nazis, wie am 01.05.2001 in Frankfurt/M. oder am 16.06.2001 in Göttingen, ist nicht zu erwarten, daß dieses Verbot vor den Gerichten Bestand haben wird. Maximal könnte es eine örtliche Verlagerung und Auflagen im bezug auf die Demonstrationsmittel und Kleiderordnung geben.
In der LVZ vom 31.05.2001 ist weiter nachzulesen, daß das seit 1997 bestehende Auktionsbündnis "Courage", welches sich zusammensetzt aus VertreterInnen der Stadt Leipzig, kirchlichen Institutionen und diversen Vereinen, Widerstand plant. Dabei ist aber davon auszugehen, daß sich dieser Widerstand sicher auf Aktivitäten in der Leipziger Innenstadt beschränken wird.
Natürlich ist mit zivilgesellschaftlichen Gegenveranstaltungen dieser Art kein Naziaufmarsch zu verhindern. Und hoffentlich wird sich antifaschistischer Widerstand an diesem Tag nicht auf musikalisches Rahmenprogramm mit Bockwurstverzehr beschränken:

No Nazis am 01.September in Leipzig oder anderswo und irgendwann!
Left action organisieren!
Desaster Area in Leipzig

Antifa Recherche Gruppe Maquis Leipzig

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